Auch Männer können Brustkrebs bekommen

Brustkrebs ist nicht nur Frauensache. Jährlich erkranken Hunderte Männer in Deutschland an einem Mammakarzinom – viele sterben daran. Das Problem: Ärzte haben kaum Erfahrung mit der Behandlung männlicher Patienten.

Einen der merkwürdigsten Momente erlebte er im Wartezimmer: „Frau Mosch, bitte!“, rief die Sprechstundenhilfe. Als er dann im Sprechzimmer saß und den Gynäkologenstuhl sah, „kam ich mir vor wie ein Exot“. Hendrik Mosch* ist 73 Jahre alt, als er die Diagnose Brustkrebs erhält.

Brustkrebs? Ist das nicht eine Krankheit, die nur Frauen betrifft? Zwar kommt es selten vor, dennoch erkranken in Deutschland jedes Jahr rund 500 Männer an einem Mammakarzinom. Männer, die sich dann plötzlich diskriminiert sehen: „Das kriegen doch nur Frauen“, „Du bist kein richtiger Mann“ oder „Stimmt etwas mit deinen Hormonen nicht?“, seien übliche Reaktionen im Bekanntenkreis, sagt Christian Rudlowski, Chefarzt der Frauenklinik des Evangelischen Krankenhauses Bergisch Gladbach.

Doch nicht nur damit haben die Betroffenen zu kämpfen. Obwohl Brustkrebs hierzulande mit jährlich etwa 75.000 Neuerkrankungen die häufigste Krebserkrankung der Frau ist, wissen Ärzte nicht, wie man männliche Patienten behandelt, da sie nur in weniger als in einem Prozent der Fälle beim Mann vorkommt. Mediziner der German Breast Group (GBG), eine Forschungseinrichtung, die Studien zu Brustkrebs plant und koordiniert, kritisieren, dass es an Untersuchungen mit Männern mangele. Deshalb sei die optimale Therapie unbekannt. Die Folge: Männer werden wie Frauen behandelt. Wie gut das funktioniert, weiß allerdings kaum einer.

Wenige Patienten, kaum Erfahrung

Während Mediziner und Forscher im Kampf gegen den Krebs der weiblichen Brust schon große Fortschritte gemacht haben, gibt es kaum Experten, die Erfahrungen mit Männern haben. Bei so wenigen männlichen Patienten, so die einhellige Meinung, sei es nicht verwunderlich, dass Prävention und Therapie nur an Frauen gerichtet seien.

Gleichwohl sind die Heilungsaussichten beim Mann schlechter als bei der Frau. Etwa 200 Männer sterben jedes Jahr an Brustkrebs. Hendrik Mosch ist einer von ihnen. Nach monatelangem Kampf erlag er schließlich dem Krebsleiden. Das Problem: Die wenigsten Männer denken überhaupt daran, dass sie betroffen sein könnten. „Oder kommen Sie als Mann auf die Idee, Ihre Brust regelmäßig abzutasten?“, sagt Frauenarzt Rudlowski. Und so erfolgt die Diagnose Brustkrebs bei Männern im Schnitt bis zu sechs Monate später als bei Frauen – meistens ist das zu spät.

Behandelt wird das Mammakarzinom beim Mann entweder vom Gynäkologen oder in einem Brustzentrum. Andere Möglichkeiten gibt es bisher nicht. Dort bleibt es nicht aus, dass man im Wartezimmer mitunter als Frau aufgerufen wird. Doch selbst renommierte Institutionen wie die Deutsche Krebsgesellschaft (DKG) führen Brustkrebs auf ihrer Patientenseite unter „gynäkologische Tumoren“ auf.

Ähnliche Risikofaktoren

Knoten oder Verhärtungen beim Mann zu ertasten, ist viel schwieriger als bei der Frau. Während bei vielen Frauen das Tasten eine wichtige Methode zur Früherkennung ist, bleibt bei Männern oft nur der Ultraschall oder die Mammografie. Die Deutsche Krebshilfe sieht vor allem einen zu hohen Östrogenspiegel als mögliche Ursache für männliche Mammakarzinome. Haben mehrere Verwandte ersten Grades Brustkrebs, sollte auch ein Mann mit einem erhöhten Risiko rechnen.

Bisher erfolgt die Therapie beim Mann weitgehend wie bei der Frau. Wenn möglich, wird der Tumor operiert, und die Betroffenen erhalten in der Regel eine Chemotherapie oder Bestrahlung sowie Medikamente. Auch Hendrik Mosch durchlief diese Behandlungsstadien. Unter Umständen muss die komplette Brustdrüse entfernt werden. Das Problem aber ist: Die Folgen und Nebenwirkungen der Therapie sind jeweils andere als bei der Frau und nur wenig erforscht. Die Antihormonbehandlung etwa, die das Tumorwachstum bremsen soll, wie bei der Frau üblicherweise mit dem Wirkstoff Tamoxifen erfolgt und bis zu fünf Jahre dauert, ist beim Mann noch kaum untersucht. 

Die hormonelle Situation des Mannes, sagt Holm Eggermann, sei schließlich eine völlig andere als bei Frauen. Der Oberarzt an der Universitätsfrauenklinik Magdeburg koordiniert seit 2008 die Registerstudie „Mammakarzinom des Mannes“. Sie ist eine von lediglich zwei Studien, die derzeit dazu laufen: In der MALE-Studie der German Breast Group, an der auch der Gynäkologe Rudlowski beteiligt ist, testen Ärzte ebenfalls eine Therapie, die an Männer angepasst ist.

Doch bei so geringen Fallzahlen besteht weder in der Gesellschaft noch bei der Pharmaindustrie großes Interesse an teuren Studien. Für die Betroffenen aber sind sie die einzige Chance, dass sich die Therapiemöglichkeiten verbessern. Experten wüssten auch einen praktischen Weg: Die offizielle Anerkennung des Mammakarzinoms beim Mann als sogenannte „orphan disease“, also als seltene Krankheit, würde helfen, da dann vereinfachte Studien erlaubt wären.

In einem aber sind Männer und Frauen gleich: Je früher ein Tumor erkannt wird, desto besser. Auch bei Männern ist Brustkrebs im frühen Stadium ohne Metastasen zu 90 Prozent heilbar.

Quelle: spiegel.de