Prostatakrebs: radikale OP, Bestrahlung oder besser abwarten?

Wer Prostatakrebs hat, muss eine schwierige Entscheidung treffen: radikale OP, Bestrahlung oder besser abwarten? Eine neue Therapie könnte einen Mittelweg bieten – mit hochfokussiertem Ultraschall und detaillierten Bildern des Tumors.

„Sie haben Prostatakrebs“, diese Diagnose erhalten in Deutschland jedes Jahr 58.000 Männer. Ärzte entdecken den Tumor immer häufiger in einem frühen Stadium. Dann steht der Mann vor einer schwierigen Entscheidung: Lasse ich mich radikal behandeln mit Operation oder Strahlentherapie? Oder soll ich den Tumor lieber „aktiv beobachten“ und mich nur regelmäßig untersuchen lassen?

Bisher ist nicht belegt, welche der Therapiestrategien die bessere ist. Die zum jetzigen Zeitpunkt längste und beste Studie kam zum Schluss, dass nach fünf Jahren noch ähnlich viele Patienten leben – egal für welche Therapie sie sich entschieden haben. Gleichzeitig haben beide Behandlungen ihre eigenen Nachteile.

Nach Operation und Strahlentherapie bekommen zwischen 50 und 90 Prozent der Männer keine Erektion mehr. Einige sind nach der Behandlung inkontinent, nach der Strahlentherapie haben manche zusätzlich Probleme mit dem Stuhlgang. Entscheidet sich der Mann hingegen für das aktive Beobachten, kann ihn das psychisch belasten: Es gibt keine Sicherheit, dass der Krebs nicht weiterwächst.

Stephan Michel will die Männer aus diesem Entscheidungsdilemma befreien – mit einer neuen Technik, dem sogenannten MRT-fusionierten hochintensiven fokussierten Ultraschall (HIFU). Der Chef der Klinik für Urologie an der Universitätsmedizin Mannheim ist überzeugt, dass sich die 800.000 Euro für das neue Gerät lohnen werden. Bisher bieten nur wenige Kliniken in Europa die neue Therapie ebenfalls an. Noch sollte sie nur im Rahmen wissenschaftlicher Studien eingesetzt werden.

Ultraschall verschmilzt mit Magnetresonanz-Tomografie

Bei dem Eingriff führt der Arzt eine Ultraschallsonde in den Enddarm des Patienten ein. Die Hitze der gebündelten Schallwellen soll das Tumorgewebe zerstören und umliegende Strukturen schonen, damit es seltener zu Inkontinenz und Erektionsstörungen kommt. Dafür verschmilzt das Ultraschallbild mit einer zuvor durchgeführten speziellen Magnetresonanz-Tomografie, die den Krebs in der Prostata detailliert sichtbar macht. „So können wir gezielt nur diese eine Stelle behandeln“, sagt Daniel Eberli, Leitender Urologe an der Uniklinik in Zürich.

„HIFU gibt es zwar schon seit 20 Jahren, aber die meisten Kollegen arbeiten nicht mit der neuen Technik, die erst seit Anfang 2014 die Zulassung hat“, sagt Michel. Mit dem herkömmlichen, nicht MRT-fussionierten HIFU würden die Kollegen häufig die Hälfte oder drei Viertel der Prostata zerstören. „Mir wäre das zu heikel, so große Tumoren mit herkömmlicher HIFU zu behandeln“, so Michel. Am Rand des Organs sei der Chirurg nur wenige Millimeter vom Enddarm entfernt. „Operiert er zu vorsichtig, erwischt er nicht alle Krebszellen. Geht er mit der erforderlichen Radikalität vor, verletzt er womöglich den Enddarm.“

Zu den Komplikationsraten beim herkömmlichen HIFU gibt es nur wenige Daten, wie eine internationale Forschergruppe nach der Auswertung von 30 Studien mit 2350 Patienten vor einem Jahr berichtete. Bis zu 17 Prozent der Männer bekamen nach dem Eingriff Probleme an den Harnwegen wie Entzündungen oder Verengungen, bis zu jeder Zweite litt unter Erektionsstörungen. Immerhin waren mehr als 80 Prozent der Männer kontinent. Wie häufig es zu Darmverletzungen kam, wurde kaum dokumentiert. Bisher ist jedoch auch noch nicht abschließend untersucht, wie viel schonender die neue Methode ist.

Endgültige Studienergebnisse erst in zehn Jahren

„Noch ist HIFU keine Standardtherapie“, sagt Michel. „Es muss erst belegt werden, welcher Mann davon profitiert.“ Der Mediziner ärgert sich darüber, dass manche Kollegen HIFU anböten, ohne die Patienten in eine Studie einzubinden. Er sieht die neue Technik als mögliche Alternative zum aktiven Beobachten. „So kann ein Mann seinen Krebs behandeln lassen, ohne einen Eingriff mit höherem Risiko für Komplikationen über sich ergehen zu lassen.“ Im Sommer will Michel eine Studie starten, in der Männer entweder mit aktiver Beobachtung überwacht oder mit dem neuen HIFU behandelt werden. „Bis wir endgültige Ergebnisse haben, dauert es sicherlich zehn Jahre“, sagt er.

Daniel Eberli aus Zürich hält den neuen HIFU eher für eine alternative Strategie zu Operation oder Bestrahlung. „Patienten, die sich für das aktive Beobachten entscheiden, möchte ich keinen Eingriff aufdrängen, und sei er noch so schonend“, sagt er. In seine Studie schließt der Mediziner daher Männer ein, deren Tumor größer ist oder aggressiver wächst und denen er normalerweise zu einer radikalen Operation oder Bestrahlung raten würde. Auch er wird erst nach mehreren Jahren wissen, ob der neue HIFU genauso effektiv ist wie OP oder Bestrahlung und seltener zu Erektionsproblemen oder Inkontinenz führt.

„Ich bin sicher, dass der neue HIFU vielen Männern nützen wird“, sagt Eberli. „Man kann den Tumor gezielt entfernen und verursacht kaum Nebenwirkungen.“ Käme der Krebs wieder, könne er HIFU außerdem mehrmals hintereinander anwenden. Auch bei einem Rückfall nach einer Strahlentherapie sei der neue HIFU eine gute Option. „Bewährt sich HIFU, habe ich endlich keine Bauchschmerzen mehr, zu welcher Therapie ich einem Mann mit Prostatakrebs in frühem Stadium raten würde“, sagt Michel.

Quelle: spiegel.de