Hoffnung durch Elektroporation

Neues Verfahren zerstört Tumorzellen: Wie Strom den Krebs töten soll

Wenn das Skalpell den Tumor nicht erreicht, Strahlen zu viel Gewebe zerstören und eine Chemotherapie ausgeschlossen ist, haben Ärzte noch eine Möglichkeit: Strom. Studien prüfen derzeit die Wirksamkeit der sogenannten irreversiblen Elektroporation.
„Inoperabel“ sagen Mediziner, wenn sie einen Tumor nicht entfernen können. Manchmal, weil er schon zu groß geworden ist, manchmal weil er an einer Stelle sitzt, wo jeder Schnitt lebensgefährlich wäre. Für solche Fälle haben Wissenschaftler eine Technik entwickelt, die die zerstörerische Kraft von Strom nutzt. Irreversible Elektroporation (IRE) nennt sich die Methode, die mit sehr kurzen, sehr starken elektrischen Impulsen die Membran von Tumorzellen durchlöchert. Diese verlieren dadurch ihre Stabilität, begeben sich in den freiwilligen Zelltod (Apoptose) und werden – wie jede abgestorbene Zelle – vom Körper entsorgt. Der Krebs löst sich in Nichts auf. Und das Beste an IRE: Andere Gewebestrukturen, etwa Nerven, Blutgefäße und angrenzendes, gesundes Gewebe bleiben unberührt von den Stromstößen. Das bedeutet weniger Nebenwirkungen. Die Patienten erholen sich schneller.

Erste klinische Studie an Patienten mit Nierenkrebs
So das Ideal der Methode, die auch Uwe-Bernd Liehr begeistert. Trotzdem warnt der Urologe von der Magdeburger Universitätsklinik vor zu großer Euphorie: „Wir haben noch keinen abgesicherten Wirksamkeitsnachweis für den Therapieansatz. Studien müssen erst noch zeigen, ob IRE Tumoren komplett entfernen kann.“ Er selbst erforscht gemeinsam mit Radiologen seit 2009, was die gewebeschonende Methode gegen Nierenkrebs bewirken kann. Ab 15. Oktober beginnt in Magdeburg die erste klinische Studie mit Patienten. „Wenn wir den Nierentumor von 20 Krebspatienten mit IRE komplett entfernen können, ist er Weg frei, um die Methode eines Tages als Standardbehandlung etablieren zu können“, sagt der Wissenschaftler. „Wenn IRE für Nierenkrebs funktioniert, lässt sich der Wirksamkeitsnachweis auf andere Krebsarten übertragen.“ In einem Jahr rechnet Uwe-Bernd Liehr mit Ergebnissen.

Akribische Vorbereitung, kurze OP
2006 hat die amerikanischen Zulassungsbehörde FDA das minimal-invasive Verfahren mit dem „Nanoknife“ zur Ablation von Weichgewebe genehmigt. Das OP-Besteck sieht aus wie lange dünne Stricknadeln mit winzigen Elektroden am Ende. Kontrolliert von einem Computer gehen von dort kurze Stromschläge aus, die jeweils zwischen zwei parallel geführten Nadeln starke elektrische Felder bilden. Die Folge sind die erwähnten Löcher in den Krebszellen. Die Prozedur unter Vollnarkose dauert nur wenige Minuten, die Vorbereitung und die exakte Platzierung der bis zu sechs Nadeln im Tumor ist deutlich aufwendiger. Uwe-Bernd Liehr sieht die irreversible Elektroporation nicht nur als letzte Möglichkeit für hoffnungslose Fälle, sondern als gewebeschonende OP-Alternative zu etablierten Methoden. Daher ist ihm die wissenschaftliche Absicherung durch Studien so wichtig. „Die ungeprüfte Anwendung erfolgt allerdings schon vielerorts. Die Methode hat sich als sicher erwiesen und die Vorteile klingen verlockend.“

Klingt verlockend: schnell, gewebeschonend, minimal-invasiv
Minimal-invasive OP, Krebszellen, die drei bis sieben Tage nach der IRE den natürlichen Zelltod sterben und spurlos aus dem Organismus abtransportiert werden, Schonung des umliegenden Gewebes, keine Hitzeschäden wie durch andere minimal-invasive Methoden der Tumorentfernung, etwa der Laser-, Hochfrequenz- oder Mikrowellenablation – diese Vorteile nutzen Mediziner weltweit schon heute. Als besonders vorteilhaft gilt IRE für Prostatakrebs wegen des sensiblen OP-Areals, Leber- und Nierenkrebs wegen der starken Durchblutung bzw. der großen Gefäße der Organe. Was die äußerst präzise IRE-Methode für Hirntumore bedeuten könnte, muss noch untersucht werden. Im Moment besteht die Befürchtung, dass die elektrischen Felder zwischen den Nadeln mit den elektrischen Impulsen von Nervenzellen kollidieren und das Gehirn schädigen.

Experimentell: IRE gegen Metastasen
Während Uwe-Bernd Liehr die Krebsheilung im Auge hat und sehen will, ob die IRE Primärtumore komplett entfernen kann, wollen andere Mediziner damit auch Metastasen verschwinden lassen, um die Lebensqualität von Krebskranken im fortgeschrittenen Stadium zu verbessern. Dabei könnte die Strom-Methode auch mit einer Chemotherapie kombiniert werden. Der Magdeburger Urologe ist vorsichtig optimistisch, was die irreversible Elektroporation angeht: „Wir hätten in den vergangenen Jahren sicher nicht so viele Stunden im Labor verbracht, wenn wir nicht an das Potenzial der Methode glauben würde. Aber man muss die Studienergebnisse abwarten.“

Quelle: focus.de